00:02
Deutschlandfunk.
00:23
Immer wenn ich von meinem Manuskript aufschaute, um die Nachrichten aus einem Land zu lesen, das mich seit meiner Kindheit fasziniert hatte, sah ich Bilder von Menschen in meinem Alter, die von korrupten Polizeikräften oder Kartellen ermordet worden waren. Und mir wurde kurz übel, weil ich so viel Glück gehabt hatte und sie nicht.
00:43
Nur eine Sekunde.
00:52
Ich hatte nie ein Problem mit Leichen.
00:54
Komm schon, Mann. Eine Sekunde sind bei dir zehn Minuten. Kann sein.
00:59
Aber der arme Kerl, der daneben der Tiefpumpe unter der Straßenlaterne lag, war anders als alle anderen Leichen, die ich je gesehen hatte.
01:06
Du kannst ja bloß nicht rumwarten. Du winierst mir noch mein Bild.
01:20
Seine gefälschten Levi's und die weiße Unterhose waren heruntergezogen. Ein bisschen Schamhaare um ein blutiges Loch herum kam zum Vorschein. Sein Schwanz und die Eier, geschält wie Trauben, lagen auf seinen mehrfach gebrochenen Händen. Sein Gesicht war abgeschnitten, seine Augen ausgequetscht.
01:44
Übrig war nur eine feuchte, rote, mit Dreck und Schottesteinchen gesprengelte Maske. Die Zähne waren schwarz.
02:00
Der erste Tote. Hörspiel nach dem Roman von Tim McGabbin.
02:19
Warten auf den schwarzen Goldrausch, lautete die vorläufige Überschrift.
02:23
Halt auf der Straße ausschauen, okay? Okay.
02:26
Ein Porträt von Posarica, der heruntergekommenen Erdöl-Metropole in Veracruz im Osten Mexikos. Eine Stadt, die wie Scheintod verharrt und auf ausländische Investitionen wartet, um aus dem Rohöl der Region Kapital zu schlagen und in ihrem früheren Glanz zu erstrahlen. Alles gut, Wartung.
02:45
Es ist vorbei. Carlos hatte immer behauptet, wenn jemand ermordet wurde, würde sein Geist noch eine Weile am Tatort verweilen. Hab keine Angst. Lass dich nicht von uns aufhalten. Wir hatten gedacht, wir würden vier Tage lang Interviews führen und wären wir wieder zu Hause in Mexico City. Würden Text und Fotos zu einer jener freudlosen, aber gut bezahlten Reportagen zusammenstellen, von denen alle Freiberufler träumen.
03:10
Ich dachte, wir sind auf dem Rückweg. Jetzt beeil dich mal. Entspann dich, Warto. Wir kommen doch auf unsere Kosten, oder nicht?
03:16
Aber okay, nach den acht Jahren, die ich jetzt schon in Mexiko lebe, hätte ich wissen müssen, dass es so etwas wie einen stinknormalen Artikel hier gar nicht gibt.
03:27
Halt einfach nur kurz die Augen auf mir. Ich bin fast fertig. Julián Gallardo, Geburtsdatum, Oktober 1996. Student der Universität Veracruz.
03:42
Nicht so ungut. Scheiße, Mann, du solltest doch aufpassen.
03:49
Runter! Das ist ein Tatort, verdammte Scheiße. Wir dachten, er lebt noch. Hast du Fotos gemacht?
03:56
Wollte ich gerade. Tut mir leid.
04:00
Dämliches Arschloch. Wegen dir werden wir noch alle ermordet. Hol dir seinen Ausweis.
04:07
Von der Presse also.
04:10
Wollt ihr enden wie der Junge da?
04:15
Nein.
04:15
Nein.
04:15
Wisst ihr, wem diese Stadt gehört? Wir machen eine Reportage über Öl. Nur Zahlen, nichts über Kriminalität. Auf der Heimfahrt haben wir den Mann da liegen sehen und angehalten. Wollten nachschauen, was los ist. Mehr nicht. Hör zu.
04:28
Ich sag's noch einmal. Wisst ihr, wem diese Stadt gehört? Das wissen die nicht. Sonst wären die nicht hier. Lass uns von hier verschwinden. Ganz im Ernst.
04:41
Also gut. Heute habt ihr Glück gehabt.
04:44
Worauf wartet ihr? Los, los!
04:46
Na komm schon.
04:53
Wo sie den Toten wohl hinbringen? Da, wo alle landen?
04:55
Ja. Nirgendwo.
05:11
Hast du keine Angst? Bin echt froh, dass die meine Kamera nicht einkassiert haben. Sie haben dein Gesicht. Deinen Namen. Tja, dann muss ich mich halt rasieren, bevor ich da nochmal hinfahre.
05:25
Selbst die Cops hatten eine scheiß Angst.
05:33
Also wer auch immer die Leiche dahin gelegt hat, er wollte, dass sie gefunden wird.
05:35
Hm.
05:39
Auf der Website mit den Vermisstenmeldungen gibt es kein Julian Gallardo. Nichts in den Lokalnachrichten, nichts auf Twitter. Schau mal bei Facebook.
05:55
Äh, ja. Ein paar Bilder von ihm bei einer Demo. Hashtags wegen Umweltverschmutzung. Hier. Hashtag Achenio, Assessino.
06:08
Hashtag Achenios und Mörder. Wenn hier nicht jedes Ölunternehmen als Mörder bezeichnet werden würde, könnte das ein Hinweis sein, aber so... Wäre ein bisschen vergeudet, eine Leiche zu finden und dann nichts zu unternehmen.
06:20
Du weißt doch, wie das hier ist. Ich weiß das.
06:24
Aber du?
06:38
Weißt du was? Fahr allein weiter. Ich will zurück. Es sei denn, du willst mir Gesellschaft leisten. Du und ich. Wir machen es uns gemütlich im Feuerring der Auslandskorrespondenten.
06:57
Weißt du, was es kostet, einen Toten von Mexiko nach Irland zu verschiffen?
07:02
Ahem.
07:07
Feigling. Ich hau ab. Wie schreibt ihr?
07:14
Was? Willst du trampen? Ja. Das war Carlos' Art zu sagen, dass es nur ein ganz gewöhnlicher Streit war. Dass er sich nicht im Posarica ermorden lassen würde. Dass er bald wiederkäme. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, hätte ich damit fast recht behalten.
07:38
Carlos, wenn du das abhörst, du bist ein Idiot. Carlos, wenn du das abhörst, du bist eine Drama Queen. Geh verdammt nochmal ran, du fucking Poser.
07:54
Hey, Andrew. Und? Wie habt ihr beiden euch vertragen?
07:59
Ich hatte meine Freundin Maya, die als Journalistin fest bei einer großen einheimischen Zeitung angestellt war, gebeten, auf meine Wohnung aufzupassen, solange ich in Posa Rica war.
08:08
Hast du Carlos gleich zu Hause abgesetzt, oder was?
08:11
Er ist, na ja, er ist noch da unten geblieben, in Posa Rica.
08:16
Ist der wahnsinnig? Du weißt, was da unten los ist, oder? Hier, ne Demoma, ne große.
08:24
Auf dem Bildschirm waren Aufnahmen von Studierenden und Arbeitern, Müttern und Kindern zu sehen, die Transparente mit dem Bild eines jungen Mannes hochhielten. Darüber stand, wo ist er? Das Gesicht war das von Julian Gallardo.
08:39
Er war eine Art Aktivistenanführer, ziemlich bekannt.
08:42
Ganz schon viele Menschen, die so schnell auf die Straße gegangen sind.
08:46
Naja, weißt du, wie viele Leute da unten eine Wahnsinnswut auf die Polizei und die Ölunternehmen haben?
09:03
Es war 6 Uhr früh, aber ich war sofort hellwach. 5,9 Uhr. Alle von Carlos. Ich schreibe bald. Dann sah ich die erste Nachricht und mein Herz krachte mit Wucht gegen meinen Brustkorb. Lösch diese Nummer, bitte. Die zweite. Fahr nicht zum Haus. Die dritte. Du bist nicht sicher. Die vierte. Andrew. Andrew.
09:33
Ein Magen war ein schmutziger Keller.
09:39
Ich wusste, was los war. Fühlte es aber nicht. Kann ich Ihnen helfen? Ja. Sie sind von der Presse. Ich darf Ihnen nichts sagen.
10:02
Inoffiziell. Das sagt ihr immer. Möchten Sie einen?
10:07
Ja, danke.
10:11
Der Mann. Das Opfer. Ich habe ihn gekannt. Er war mein Freund.
10:20
Okay. Okay, tut gut. Aber viel werde ich Ihnen nicht sagen können.
10:29
Der Tatort, das war der Schlimmste in diesem Jahr. Besten waren das.
10:32
Wie hat er ausgesehen?
10:35
Gefoltert haben sie ihn. Sämtliche Finger gebrochen. Durch die Hände geschossen. Die Handgelenke durchschossen. Die haben ihm ein abgebrochenes Stuhlbein ins... Hören Sie, tut mir wirklich leid.
10:50
Ist er verblutet?
10:52
Nein.
10:55
Ich tippe auf Strangulation. Würgegriff von hinten.
10:59
Ein Schuss in die Brust?
11:00
Zwei Schüsse. Die Art der Verletzung deutet auf Hohlspitzgeschosse hin.
11:05
Wie sie von Gangs verwendet werden?
11:07
Nein. Sechs tiefe Einschüsse um eine zentrale Wunde, sowas wird nur von der Polizei verwendet.
11:15
Die Veracruz State Police. An einem Tatort in Mexico City.
11:20
Hören Sie, ich muss los. Hier ist meine Nummer. Rufen Sie mich an. Theresa.
11:28
Sicher? Sicher?
11:30
Dieser Cop war mir nicht geheuer mit seinen widerlichen Grinsen und den Silberzähnen. Für diese State Cops bin ich ein Niemand, aber wenn die mir ans Bein pissen, dann pisst mein Chef ihren Chefs ans Bein. Danke für die Zigarette.
11:53
Microdosing nennt man das, wenn man Acid-Tabs in Wasser auflöst und über einen Zeitraum von mehreren Stunden immer wieder ein bisschen Rausch nachlegt. Die Gedanken breiten sich aus wie ein hauchdünnes Netz. Die eigene Konzentration verwandelt sich in ein Steigeisen aus Ideen, so deutlich und klar wie Metallstreben.
12:31
Mein Zigarettenrauch verwandelte sich in Schnee bei El Paso an einem Vormittag vor vier Jahren. Maya vermittelte mir eine Story bei einem Fotografen, der nicht nach Juarez zurück konnte. Wegen irgendwas mit Mord und Totschlag.
12:47
Du weißt, warum ich weg bin, oder? Wegen meinem Jobwartung. Kriminalreportagen. Wenn die Cops diejenigen sind, die die Verbrechen begehen, dann sind die Cops auch angepisst davon.
13:02
Es gibt die kleinen Banden, Leichtgewichte. Und dann gibt es die eigentlichen Akteure. El Chapo und seine Jungs. Cops, Lokalpolitiker, Geschäftsleute. Verfolgt mal lieber eine Bande von Schwachköpfen. Oder Typen, die seit Anbeginn der Menschheit unter dem Schutz der Regierung stehen. Deshalb mache ich Fotos von all dem. Ganz egal, wem ich damit auf den Schlips trete.
13:27
Du könntest in Mexico City arbeiten. Weit weg von hier.
13:31
Wen würde das interessieren?
13:33
Wir könnten zusammenarbeiten. Mexiko City also. Meinst du, du könntest dort was von mir finden?
14:11
Seitdem ein Ihre 1898 in Veracruz auf Öl gestoßen war, glich die Geschichte der Region einer einzigen langen Chronik der Vertreibung, Umweltverschmutzung und Gewalt. Es war immer wieder die gleiche Story. Die Polizei gegen die Gewerkschaften, die Cetas gegen die Totonaken, der Staat gegen die Journalisten. Profit gegen Menschen.
14:40
Wir brauchen Beweise.
14:42
Infiltration, Todeskommandos, Setters in Uniform, diese ganzen schönen Sachen.
14:47
Ein schon etwas älterer Jogger nickte uns auf seiner Runde um den Kreisverkehr zu. Abgesehen davon waren wir alleine auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt.
14:56
Und die ganzen Beweise sind mit Carlos gestorben?
14:59
Ja, glaubst du wirklich? Sie haben ihm die Finger gebrochen. Wahrscheinlich haben sie es aus ihm rausbekommen.
15:06
Alles haben sie ja wohl nicht aus ihm rausbekommen, sonst wärst du nicht mehr hier.
15:10
Scheiße. Bei allem, was sie ihm angetan haben, hat er trotzdem dich gehalten.
15:18
Wenn er was für dich versteckt hätte, wo könnte das sein?
15:21
Kommen Sie einfach um, sagen wir morgen um 8 vor Carlos Apartment, okay? Ich werde was arrangieren. Passen Sie auf sich auf.
15:29
Danke, Theresa.
15:43
Tatort, an dem gefoltert oder vergewaltigt wurde, erfordern sehr starke Desinfektionsmittel, mit denen man Sperma, Fäkalien... Wollen Sie trotzdem noch einen?
15:53
Ja. Na gut. Hier, Sie brauchen eine Maske und einen Schutzanzug.
16:15
Man konnte sehen, wo sie ihn erschossen hatten. Schwarze Spritzer ausgehusteter Lungenmasse verteilten sich an der Wand und auf dem Boden, während der Kometenschweif aus Hirnmasse sich in Folge des Kopfschusses bis zur Couch zog.
16:27
Nichts. Keine Verletzung durch Selbstverteidigung.
16:30
Nur eine Blutquelle.
16:35
Kein Versuch zu entkommen. In der Küche stand die Tür der Mikrowelle offen. Die Schale darin war eingedellt und voller Asche, nachdem Carlos Speicherkarte aus seiner Kamera darin vernichtet worden war.
16:46
Sieht aus, als hätte er sein Handy zerschlagen. Lösch diese Nummer. Da haben Sie ihn in den Würgegriff genommen. Bitte. Und dann? Fahr nicht zum Haus. Die Blutflecken sind räumlich konzentriert. Ich habe noch nie ein so ruhiges Opfer gesehen.
17:07
Sie haben ja nichts dagegen, wenn ich was suche, oder? Hör zu. Die Spurensicherung war ja schon da. Ich hab nichts gesehen.
17:22
In Karloffs Schlafzimmer lagen eine Schaumstoffmatratze und aufgeschnittene Kissen. Kein Laptop, kein iPad, kein Handy. Und auch keine Kameras. Nur ein Schweizer Armeemesser und ein Haufen Kabel, die wie Aale aus den Steckdosen ragten.
17:40
Eine Steckdose war unbenutzt und bloß mit zwei Schrauben an der Wand befestigt. Meine Finger zitterten, als ich die Wandhalterung abschraubte. In dem Hohlraum der Wand befand sich tatsächlich unter einem abgeklebten Guffer-Tape ein kleiner Schlüsselanhänger mit einem USB-Stick.
17:59
Gib mir mal den Stick.
18:00
Es tauchte ein Ordner auf dem Bildschirm auf. Ich besorg's Andys Mutter.
18:04
Verdammte Scheiße, Carlos.
18:06
Mal schauen, was das Schmutziges über deine Mutter in der Hand hat.
18:09
Maya klickte auf Fotos von wütend demonstrierenden Studierenden und Ölarbeitern, heruntergekommenen Landarbeitern, Frauen und Schulkindern. Mit Transparenten, auf denen stand, wo ist mein Geld? Ich kriege keine Luft. Achenio ist gleich Mörder.
18:25
Ey, das ist gut.
18:28
Als nächstes kamen Aufnahmen von Männern direkt vor den Einsatzschildern der Polizei. Aber ohne Uniform. Nur Macheten und tote Blicke.
18:38
Was haben wir gestern Abend gesagt über das, was du brauchst? Todesschfadronen, Infiltrationen?
18:43
Sie klickte weiter zu einem Foto, auf dem ein Arm in Polizeiuniform zu sehen war, der eine blutverschmierte Machete direkt auf die Kamera richtete.
18:51
Hey, das ist keine Polizeischeiße. Das ist Narkos-Scheiße. Die Polizei lässt die einfach durch und die machen, was sie wollen. Und zwar in deren Uniform.
19:00
Das nächste Foto zeigte den Mann mit der Machete in Großaufnahme. Weiß mit beginnender Glatze, seine Schneidezähne waren silbern übergrund. Schwarze Blutstropfen spritzten von der Klinge. Eine junge Frau lag am Boden mit tief aufgeschlitztem Bein. Verdammt, das ist dieser Cop, der vor Carlos Apartment war und als erster am Tatort...
19:22
Weißt du, wer das ist? Abel Caranza. Sharktooth. Carlos hat einen der brutalsten Männer Mexikos in der Uniform der Veracruz State Police fotografiert.
19:32
Und zwar wie er Cops herumkommandiert. Maya klickte noch diverse Seiten mit Artikel über gestohlenes Rohöl, Morde und Entführungen an.
19:40
Alles von einem gewissen Francisco Escarcega.
19:44
Ja, der ist gut. Solltest du mal kontaktieren. Vielleicht weiß er noch mehr.
19:50
Sie öffnete einen Link zur Fahndungsliste der Staatsanwaltschaft von Vera Cruz. Ganz oben ein Foto von einem schmalen, ovalen Gesicht. Darunter der Name Evelio Martinez. El Puccini.
20:01
Das ist der Typ, der Posadica regiert. Und die hier helfen ihm dabei. Bei der Polizei haben einige die Seiten gewechselt.
20:09
Auf der Fahndungsliste waren ein Mann namens El Mangueras, dicklich, lockig, dunkel. Gefolgt von einem großen weißen Mann mit Kinnbart. El Prieto. Zum Schluss dann Sharktooth.
20:21
Aber das ist der Chef. El Puccini. Der ist der Schlimmste. Hier.
20:26
Sie öffnete einen alten Artikel aus der LA Times mit einem Bild von einem Fußballstadion und Soldaten in Tarnanzügen, ihre Gewehre im Gras abgelegt. El Puccini stand am Rand und fixierte einen schmächtigen Mann mit Schnurrbart auf einem Podium. Alfredo Cristiani, der ehemalige Präsident von El Salvador. Gibt's ja nicht.
20:47
Das ist nur das Internet, Mann. Der Artikel steht da seit Ewigkeiten drin. Erkennst du den Mann?
20:54
Nein.
20:54
Der Officer. Das ist der Anführer des Atlantakel-Bataillons. Einer von der CIA ausgebildeten Einheit. Früher sind die in El Salvador durch den Dschungel gezogen, haben Rebellen, arme Leute, Ureinwohner und vermeintliche Kommunisten ermordet.
21:09
Die Todesschwadron. Da hat El Pugini also angefangen.
21:13
Und jetzt arbeitet er für die Cops und die Ölunternehmen in Veracruz.
21:29
In Mexiko hat fast jeder schon einmal eine Tragödie erlebt. Natürlich ist es nicht einfach, sich diese Geschichten anzuhören, aber man ist nie weiter als einen Flug oder eine Taxifahrt vom geschützten Kokon des bezahlten Auslandskorrespondenten entfernt. Man kann die Tür zumachen.
21:53
Am nächsten Morgen weckte mich ein Polizeihubschrauber, der tief über dem Vorplatz vor Mayas Wohngebäude flog. Die Rotorblätter ließen die Luft beben.
22:03
Hier, trink erst mal einen Kaffee. Den brauchst du. Danke. Du lieber Gott, sind das deine Füße?
22:12
Ich glaube schon.
22:16
Wieso? Die haben ja Bärte. Sogar deine Zehen haben Bärte. Ihren sind echt abartig.
22:23
Hobbit-Blut. Ich muss nach Poserica. Da geht's gerade echt ab. Irgendeine Art von Spaltung, glaube ich. Polizisten bringen sich gegenseitig um. Ein abgetrennter Kopf eines Angehörigen der Guardia Civil auf einem Fußballplatz. Und zur Vergeltung wurde ein Beamter der State Police mit Kopfschuss getötet und am Straßenrand zurückgelassen. In einem Clowns-Kostüm.
22:47
Abartig.
22:49
Ich las einige der Artikel von diesem Francisco Esca Säger. Einer war mit Luftaufnahmen von Ölquellen des Unternehmens Achenio bebildert. Und hier. Wonach sieht das deiner Meinung nach aus?
23:01
Fracking? Wo ist das? Texas?
23:04
Nein. Posa Rica. In dem Artikel geht es um einen 8 Milliarden Dollar Deal mit einem wichtigen US-amerikanischen Ölgiganten. Wir sind da an was dran.
23:13
Was soll das heißen, wir?
23:15
Naja, du kommst doch mit, oder? Ja.
23:18
Soll das ein Scherz sein? Für mexikanische Journalisten ist es noch gefährlicher, bla bla bla. Aber du stocherst da ein verdammt heißer Scheiß herum, Mann.
23:27
Ich öffnete LinkedIn und suchte noch Leuten, die für Agenio gearbeitet hatten.
23:32
Hier, wen würdest du als erstes interviewen?
23:35
Andrew, hörst du mir überhaupt zu?
23:38
Ich hab zu tun. Dieser Barista hier, gefällt er dir?
23:43
Wie? Er ist schon 2014 bei Arjenio ausgestiegen und ist hier in Mexiko City Barista geworden. Er heißt Leo Torres.
23:51
Jetzt chill mal, es ist Samstag, Mann.
23:53
Einen von uns haben sie schon ermordet. Ich mach das lieber, bevor die zurückkommen.
23:58
Gadlos war für sich selbst verantwortlich. Und erwachsen. Mehr oder weniger. Er hat immer noch so viel Macht über dich.
24:06
Verdammte Scheiße, Maya. Seine Asche ist kaum kalt.
24:25
Der Barista sah seinem LinkedIn-Foto überhaupt nicht ähnlich. Er trug jetzt Kontaktlinsen, hatte sich einen üppigen Holzfällerbart stehen lassen und den Schädel rassiert.
24:36
Aber welche Cops?
24:37
Die State Police oder die Guardia Civil? Welche von beiden helfenden Setas?
24:43
Am Anfang hieß es noch, die State Police sei von den Setas gekauft und deshalb kam die Guardia Civil dazu, um Ordnung zu schaffen. Zum Schluss war es dieselbe Scheiße.
24:51
Hm. Gibt es jemanden Bestimmtes, mit dem ich da unten sprechen sollte?
24:57
Soweit ich weiß, ist von meinen Leuten nur noch einer da. Armando. Ihm gehört ein Lebensmittelladen in El Chote. Ich gebe ihm seine Nummer.
25:10
Danke, Leo.
25:19
Damals bekam ich mal spätabends einen Anruf von meinem Chef. Er sagte, es habe einen Unfall gegeben und ein Jeep sei unterwegs zu mir. Der Typ, der im Jeep von meinem Haus auf mich wartete, trug einen Overall von der Gewerkschaft. Hinten drin saß mein Freund Armando, also dachte ich mir nichts weiter dabei.
25:36
Wie hat der Fahrer denn ausgesehen?
25:38
Dick. Ziemlich klein. Locken? Ja. Dunkler Typ.
25:43
Mir schoss der Name El Mangueras von der Fahndungsliste durch den Kopf.
25:48
Die Förderstelle der Ölanlage befindet sich mitten im Nirgendwo. Einer von den Cops, die da auf uns gewartet haben, hat verlangt, dass wir ihm unsere Handys, die Ausweise und Brieftaschen geben. Ein weißer? Mit Bart? Ja. Kinnbart von Abraham Lincoln Ding.
26:03
Noch ein Gesicht von der Fahndungsliste. El Prieto.
26:06
Sie hielten uns Pistolen an die Köpfe. Sie haben gesagt, wir sollen machen, was sie uns befehlen, sonst bringen sie uns und unsere Familien um. Und Sie denken, dass Armando das alles bestätigen kann?
26:19
Ja. Er war total fertig. Dann sagte der Große, der Weiße, wir sollen rübergehen zu den Pickups der Polizei. Hinten auf dem Pickups standen Säcke. Die Ladefläche von dem Jeep war total nass und rot. Es roch wie beim Schlachter.
26:37
Dann fingen wir an, die Säcke zu schleppen und... Naja, ich meine, du weißt das. Aber irgendwie halt auch nicht. Wir haben die Säcke in den Tank zu dem Wasser, dem Sand, dem Kies geschmissen. Das Ganze wird mit knapp 1000 Bar in den Kanal reingedrückt. Damit soll das Gestein, das das Rohöl umgibt, zermahlt werden. Also... Stellen Sie sich vor, was das mit deinem Körper macht. Tja. Und diese vielen Menschen sind einfach den Kanal runtergerutscht. Was waren das für Menschen?
27:06
Dorfbewohner, Demonstranten, Leute, die etwas gesehen haben, was sie nicht hätten sehen sollen. In Mexiko ist ein Menschenleben scheißbillig. Ein paar Wochen später waren wir an der Förderstelle fertig, haben die Maschinen abgeschaltet. Oben kam das klebrige Zeug rausgequollen, dickflüssig und braun, genau wie immer. Öl, Gas und Menschen.
27:27
Danke.
27:34
Und danke für die Aufnahme, Leo. Ich kann Ihren Namen natürlich auch aus dem Artikel rauslassen.
27:39
Die ausländischen Journalisten treibt euch in Mexiko rum, schon seit ich ein Teenage war. Trotzdem, verändert hat sich nichts. Aber hey, was soll man machen? Wenn Sie Armando treffen, dann werden Sie sehen, was das Schweigen mit einem macht. Ich möchte das nicht erleben.
28:06
Das bedeutet, du musst nochmal hinfahren. Und das bedeutet, wir müssen Reisekosten beantragen.
28:13
Ein Mittelsmann engagieren.
28:14
Am nächsten Morgen traf ich Dominik, meinen Zeitungsredakteur, um ihn zu überzeugen, die Story weiter auszubauen.
28:20
Und du hast definitiv Quälen vor Ort? Ja, einen genauen Fahrplan.
28:25
Ich schlug mein Notizbuch auf, um es ihm zu zeigen.
28:29
Wann soll das alles stattfinden? Im Idealfall heute. Da hab ich mir fast gedacht.
28:34
Dann...
28:36
Schau dir Posa Rica nochmal an. Konzentrier dich darauf, warum die Whistleblower im Fleischwolf verschwinden. Und der heilige Gral. Die Amerikaner haben Agenio die Bo-Ausrüstung verkauft, oder? Also, wenn du beweisen kannst, dass der CEO von Agenio weiß, was unter seiner Führung passiert, dann haben wir es mit US-amerikanischen Konzernen zu tun, die Profit aus dem Vorgehen der Todesfadronen ziehen. Selbstverständlich unwissentlich.
29:11
Gute Wahl. Niemand wird hören, was wir sagen. Nicht mal wir selbst.
29:15
Ja, Sommerferien.
29:18
Ich traf Francisco Escazega am Hotelpool. Er sah seinem Redaktionsfoto aus Opinion de Posa Rica sehr ähnlich. Schlank, dunkel, aknen aber.
29:27
Und, wie war deine Fahrt? Nicht ganz einfach, nach Papantla zu kommen. Eine Menge unerwartete Abzweigungen. Ja, wir sind hier ziemlich abgeschnitten.
29:37
Tut mir sehr leid, das mit deinem Freund.
29:40
Ich habe ihn auf der Demo kennengelernt. Das ist immer dieselbe Geschichte. Puccino und seine Leute haben mir im Prinzip genau dasselbe gemacht wie Salvador. Wenn sich jemand dem Fracking entgegengestellt hat, haben seine Jungs eingekauft. Und, wie lange bist du hier? Hast du dir viel vorgenommen?
29:58
Ein paar Tage. Hauptsächlich will ich jemanden in El Chote treffen und versuchen, mit der Mutter von Julian Gallardo zu sprechen.
30:14
Dann ist meine Frau fort von hier. Mit den Kindern.
30:44
In diesem Moment versteinerte Armandos Blick. Ein Wagen der Veracruz State Police fuhr die Straße entlang und näherte sich uns langsam.
30:52
Würden Sie ein paar Männer identifizieren können, wenn ich Ihnen Bilder zeige?
30:55
Am Steuer saß ein Mann mit einem langen Bart und blassem Gesicht. El Prieto. Neben ihm saß jemand, der etwas in ein Handy sprach. Untersetzt lockige Haare. Mangueras. Beide aus besagter Nacht, als Leo und Armando die Säcke geschleppt hatten.
31:10
Und da haben Sie auch schon Ihre Antwort.
31:13
Sie lautet ja. Mangueras grüßte mich träge militärisch aus dem Auto heraus. Dann fuhren Sie weiter.
31:23
Alles in Ordnung? Bin hier ein paar von unseren Freunden begegnet. Welchen Freunden?
31:28
Ein Stück weiter vorne am Straßenrand parkte ein Wagen der Veracruz State Police. Ich trat aufs Gas. Die Cops im Wagen schauten auf. Einer von ihnen sprach in sein Walkie-Talkie, aber der Wagen bewegte sich nicht.
31:39
Andrew, welchen Freund? Der Dicke mit den Locken und der Weiße mit dem Kinnbart.
31:43
Hör zu, wenn mir was zustößt, dann hast du mich nie gekannt. Nie gesehen. Ich war nie hier, okay? Okay.
31:49
Die Türen des Polizeiwagens öffneten sich. Die beiden Cops stiegen aus. Einer filmte meinen Cheap mit seinem Handy.
31:55
Scheiße, ich muss auflegen. Pass auf dich auf, ja?
31:59
Die schmalen Straßen waren mit Menschenansammlungen verstopft. Eine Prozession. Dahinter Autos und Mopels.
32:07
Der Polizeiwagen kam plötzlich aus seiner Seitenstraße und fuhr quer in die Lücke vor mir. Bevor ich den Rückwärtsgang einlegen konnte, rollte ein Pickup von der Tankstelle und blockierte auch den Fluchtweg hinten. Mangueras öffnete die Tür seines Pickups und ging langsam auf meinen Jeep zu. Andrew! Wir kennen uns schon. Auch wenn du dich mir nie vorgestellt hast. Los, steig aus.
32:38
Du hast rumgeschnüffelt. Bist du ein kleiner Hund, ja? Leider hauptsächlich an den falschen Orgen. Wir können dich zu den Richtigen bringen. El Prieto stieg aus Manguerdas Pickup, streckte die Hand nach meinen Schlüsseln aus und ich übergab sie ihm, bevor er dazu kam, eine Waffe zu ziehen.
32:58
Also dann.
33:01
Er schubste mich auf den Beifahrersitz meines Jeeps.
33:14
Mein Boss hat gesagt, das würde ordentlich viel Aufsehen machen, wenn du hier in der Gegend plötzlich verschwindest. Ich bin mir da gar nicht so sicher.
33:23
Während der Fahrt richtete ein anderer Cop einen Revolver auf mich. Mangelas Polizeiwagen fuhr direkt hinter uns.
33:29
Hat nie viel Aufsehen erregt, wenn jemand verschwunden ist. Weißt du, wie lange es dauert, bis hier draußen eine Leiche vermodert hat?
33:38
Bei der Hitze? Und das ist eine feuchte Hitze hier draußen, Capron. Vier Tage, dann hast du kein Gesicht mehr.
33:47
Wir bogen auf einen schmalen Schotterweg, der zu einem scheinbar leerstehenden Haus führte.
33:52
Wir sind da. Steige aus.
34:00
Mir schlug der Geruch von frischem Blut in die Nase, und als ich sah, wo der Geruch herkam, drehte sich mir der Magen um. Auf der Ledercouch vor mir saß Abel Carranza, alias Sharktooth. Sein Kopf war abgesprengt, seine Silberzähne in den freigelegten Unterkiefer eingeschmolzen.
34:18
»Das ist der Mann, der Julian Gallardo und dein Freund getötet hat. Ihn aufzuhalten, ist der letzte Gefallen, den wir dir tun.
34:25
Und jetzt mach, dass du hier verschwindest.«
34:42
Was man an Klarheit verliert, gewinnt man an Eindringlichkeit. Das ist das Problem der Berichterstattung in Mexiko. Klarheit ist Mangelware.
34:55
Das üble Gefühl, das mich die ganze Fahrt aus Veracruz zurück nach Mexiko City begleitet hatte, wurde schlimmer. Meine Ohren rauschten.
35:05
Meine Wohnung fand ich total zerstört vor. Die Vitrinen waren umgestürzt, meine Ordner lagen überall verteilt, mein iMac war verschwunden. Aber das Papier mit dem Acid war einigermaßen unbeschadet geblieben. Ich faltete es zusammen und steckte es ein.
35:24
Wie läuft das mit dem Artikel?
35:26
Hey Dominik, es gab Ärger.
35:28
Was für Ärger?
35:30
Die haben rausbekommen, wo ich wohne. Und meine Wohnung verwüstet.
35:33
Wo bist du jetzt?
35:35
Am Flughafen.
35:36
Haben sie viel mitgehen lassen?
35:38
Ja. Aber die Story ist gesichert. Hör mal. Kannst du mich hier irgendwie rausholen?
35:44
Woran hast du gedacht? Willst du zurück nach Hause?
35:47
Egal. Hauptsache in Sicherheit.
35:49
Ehrlich. Haben die deine Kameras mitgenommen?
35:53
Nein. Ich hab sie hier bei mir.
35:55
Im Süden von Uruguay wird ein riesiger Schneesturm erwartet.
36:00
In einigen Landesteilen wird es dort zum ersten Mal seit 1960 schneiden. Wenn du uns ein paar Bilder lieferst, dann ist das der perfekte Vorwand, dich dahin zu schicken.
36:30
Obwohl ich es zu dem Zeitpunkt nicht wusste, blieben nur noch 14 Stunden, bis ich dich zum ersten Mal sehen sollte. Es regte sich ein Gefühl von Erleichterung in meiner Brust, das nicht ausschließlich auf die letzten Schlucke aus meiner LSD-haltigen Feldflasche zurückzuführen war. Und bei meiner Ankunft im Hotel warst du da.
36:55
Brauchst du ein Zimmer? Ja. Ein wirklich schönes Haus ist das hier.
37:08
Danke. Du siehst aus, als könntest du eine gute Woche Schlaf gebrauchen. Was ist aus deinem Freund geworden?
37:21
Er wurde ermordet.
37:25
Scheint, als hätte jeder eine Tragödie in seinem Leben. Ja. Er ist meiner. Du zitterst ja.
37:34
Ich... Ich sehe ihn noch.
37:38
Wann? Manchmal. Jetzt. Er ist wie ein Geist. Du vermisst ihn. Willst du sagen, das ist normal? Ich will sagen, es kommt vor. Ich will nicht verrückt werden.
37:56
Du hast jemanden verloren.
38:04
Francesco?
38:06
Du lebst, Gott sei Dank. Hab mir Sorgen gemacht, als ich gehört habe, dass es Sharktooth erwischt hat.
38:10
Ich bin gerade in Uruguay. Schon seit ein paar Tagen. Alles in Ordnung?
38:15
Ja. Also ich hab gute Nachrichten. Es geht um Julián Galleros Mutter. Sie hat gesagt, sie will reden.
38:22
Und mit dir will sie nicht reden?
38:24
Sie spricht nicht mit der einheimischen Presse.
38:26
Sie hat Angst, dass ihre Leitung angezapft wird. Das Gespräch muss also persönlich stattfinden. Kannst du zurück nach Bosarica kommen?
38:43
Als wir vor der Abflughalle hielten, hast du mir deine Hand auf den Hinterkopf gelegt. Weißt du wieder ein Zimmer brauchst? Melde dich.
38:53
So, jetzt ab ins Flugzeug.
38:56
Das war schön. Du hast gelächelt. Und es wird noch schöner.
39:05
Der spanische Verb Espera hat drei Bedeutungen. Hoffen, warten und erwarten. Ich wusste nicht, welche du gemeint hattest, betete aber, dass es alle drei waren.
39:32
Ich möchte Ihnen danken für das, was Ihr Freund getan hat.
39:37
Wir standen da, schauten hinaus in die grüne, leere Landschaft und den Fluss in der Ferne.
39:42
Mein herzliches Beileid. Ihr Sohn war sehr tapfer.
39:46
Eine Raffinerieflamme brüllte und qualmte über alles hinweg. Der ganze Landstrich wurde dem Ölunternehmen geopfert. Erzählen Sie mir von Julian.
39:57
Er war ein guter Junge.
40:01
Sein Vater war der persönliche Fahrer von einem der Ingenieure bei Ergenio. Er musste ihn zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten zu den Bohrtürmen fahren. Er wollte nicht darüber reden, aber wir wussten es.
40:16
Wir wussten, wo sie die Leichen hinschaffen.
40:20
Und eines Abends kam er nicht mehr zurück. Zwei Wochen später hat uns das Unternehmen nur ein Foto geschickt.
40:28
Sie sagten, der Ingenieur sei als erster reingefallen und mein Mann hinterher. Beide seien ertrunken. Es sei ein Unfall gewesen. Das war gelogen. Ich habe diese Tanks gesehen, die sind nicht tief.
40:45
Das war 2014, richtig?
40:48
Im August. Eine Woche, nachdem die Guardia Civil gekommen war. Einer von denen war auch dabei, als mir der Tod übergeben wurde.
40:58
Ein großer, braunhaariger mit Silberzähnen.
41:01
Ihr Mann hat also etwas gesehen, was er nicht hätte sehen sollen.
41:03
Ja. Und das ist auch Julián zum Verhängnis geworden.
41:15
Einen Flug zurück nach Mexico City gab es erst wieder am darauffolgenden Vormittag. Und den Nachtbussen konnte ich nicht trauen. Deshalb saß ich die Zeit außerhalb von Posarica, in einer kleinen Bar in Babantla.
41:27
Danke.
41:31
Es waren nicht viele Leute da, nur ein paar Bauarbeiter aus Totonaca. Ein zwei Meter großes Ölgemälde von Asama Bin Laden schaute durch das Halbdunkel in den Ecken auf mich herab.
41:42
Tut mir leid wegen der Störung. Normalerweise würden wir euch einladen, sitzen zu bleiben und was mit uns zu trinken. Aber wir müssen mit diesem Mann hier unter vier Augen reden und würden euch bitten zu gehen.
41:55
Die Frau am Tresen, die Bauarbeiter. Sie ließen mich mit Osama Bin Laden, Mangueras und El Prieto alleine.
42:01
Ist er das?
42:03
Als ich den anderen Mann sah, der bei Ihnen war, war ich zu müde, zu kraftlos für irgendeine Reaktion. El Puccini.
42:12
Das ist er.
42:13
Er war gut gealtert. Seine Haut war faltenfrei und sein Haar frei von grauen Stellen.
42:18
Sehr gut. Ab in den Sack mit ihm.
42:22
Es wurde dunkel. Ich bekam kaum Luft. Es roch nach Müll und schimmeligem Kaffee. Jede Unebenheit der Straßen ließ mein Kopf auf die Ladefläche des Pickups knallen. Irgendwann hielten wir. Es gibt ein Dutzend Möglichkeiten, eine Leiche für immer verschwinden zu lassen. Zum Beispiel, indem man sie in einen Öltag wirft.
42:56
Setz dich. Zigarette? Wasser.
43:03
Halb von den Scheinwerfern des Polizeicheeps erleuchtet, ragte die Pyramide von El Tachin hoch über uns auf, wie ein Berg aus leeren Augen.
43:12
Hier, trink.
43:13
Puccini stand in der Uniform der Veracruz State Police hinter dem Pickup.
43:16
Du kapierst es nicht, oder? Also, ich erkläre dir das mal. Du wirst keine Unterlagen über meine Beziehung zu Achenio finden. Unsere Absprachen waren rein mündlich. Im April 2011 gab es ein Treffen mit dem CEO und seine Anweisung war eindeutig. Bricht den Widerstand der Einheimischen gegen die Vorhaben des Unternehmens in der Region? Mit welchen Mitteln, weißt du ja.
43:43
Ihre Männer haben davon gesprochen, dass ihr mir mehrere Gefallen getan habt.
43:47
Wir haben dich vor den Leuten beschützt, die dahinter stecken. Abel Caranza und die Guardia Civil.
43:53
Aber das war doch einer von euch.
43:55
Wahr. Das mit dem Pakt mit Argenio hatte sich rumgesprochen und der Staat hat dabei nicht gut ausgesehen. An uns sollte ein Exempel statuiert werden. Deswegen wurden wir verfolgt. Und zwar so, dass auch alle mitbekommen haben. Aber eigentlich macht die Guardia Civil genau das, was wir früher gemacht haben. Nur mit dem offiziellen Stempel der Regierung. Sie konnten sich hinter einem Dienstabzeichen verstecken.
44:22
Und dann hat Abel Carranza euch verraten.
44:24
Er hat schnell gemerkt, woher der Wind weht. Er ist mit seinen Männern zum Direktor des Unternehmens, hat gesagt, er könne bei der Guardia Civil einsteigen. Daraufhin haben sie uns gemeinsam gejagt wie Köter. Und Abel war plötzlich der neue Spezialist, wenn es darum ging, die Stadt von Aktivisten zu säubern. Ich wollte deinen Freund lebend, genauso wie Julian Gallardo. Die hätten genug Krach schlagen können, um diesem Dreckschwein bei Eugenio Probleme zu machen.
44:51
Aber noch vor ein paar Jahren hätte die uns umgebracht.
44:54
Oh ja, keine Frage. Aber die Proteste und deine Story können bei Arrhenio mehr Schaden anrichten als wir. Deshalb haben wir euch machen lassen. Als kleine Gefälligkeit. Und als es Abel auf euch beide abgesehen hatte, haben wir ihn uns vorgeknöpft. Daher schuld ist mir zwei gefallen. Morgen Abend um halb neun erwartet dich der CEO von Arrhenio.
45:20
Roberto Soniga, unter dieser Anschrift zu einem Interview.
45:26
Und inwiefern tue ich ihn damit einen Gefallen?
45:31
Stell ihm einfach deine Fragen. Bis um neun bist du draußen. Und wenn du fertig bist, fährst du nach Hause, veröffentlichst deine Story und anschließend streichst du meinen Namen aus deinem Gedächtnis.
45:43
Das ist der erste gefallen.
45:44
Ich spürte kaum, wie die Moskitos meine Arme attackierten. So angespannt war mein ganzer Körper. Und der zweite?
45:52
Der zweite ist, dass du noch eine Zigarette mit mir rauchst.
46:02
Roberto Zuniga saß auf einer roten Lederbank, eine Flasche Centenario Reposado und ein halbvolles Glas vor sich.
46:08
Andrew, wie nett, dass Sie gekommen sind.
46:11
Das Vergnügen liegt ganz bei mir, Don Roberto.
46:13
Er wirkte imposanter, als man aufgrund der Bilder auf den Wirtschaftszeiten gedacht hätte.
46:18
Bitte setzen Sie sich.
46:19
Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Wir waren alleine in diesem Restaurant, abgesehen von einem Leitwächter.
46:25
Sie können uns gerne so ausführlich unterhalten, wie Sie möchten. Die Welt soll ja erfahren, was wir machen.
46:33
In gerade mal fünf oder sechs Jahren hat sich Posarica zur Stadt entwickelt. Vorher war da nichts als ein Acker. Wir wollen die Menschen in Posarica wieder an erste Stelle setzen. Darauf trinke ich. Ich ignorierte das Glas und hielt mein Aufnahmegerät hoch.
46:50
Darf ich? Nur zu. Wie gesagt, wir wollen, dass die Welt Bescheid weiß. Würden Sie uns verraten, was Sie sich für Posarica erhoffen?
47:02
Agenio hat Öl an Amerika verkauft, in Japan, Russland und Deutschland, in Frankreich und Italien. Dadurch entstand ein Arbeiterparadies, das Mexikaner für Mexikaner geschaffen haben.
47:15
Aber dieses Arbeiterparadies, von dem Sie sprechen, ich meine, im Prinzip ist das für andere Menschen die Hölle, oder? Die Totonaken wurden von ihrem Land vertrieben, das Wasser ist vergiftet, die Luft auch. Wir haben den Betroffenen Entschädigungen gezahlt.
47:31
Was ist mit den beiden hier? Ich zog das Bild von Julian Gallaros' abgeschältem Gesicht aus der Tasche. Den haben Sie ermorden lassen? Ich öffnete das Foto, das mir Gallaros' Mutter von ihrem toten Mann geschickt hatte. Und Sie wollten seinen Vater verschwinden lassen?
47:46
Von diesen Vorkommnissen ist mir nichts bekannt.
47:49
Okay. Ich warf eine zerfledderte Zeitung auf den Tisch. Erkennen Sie ihn? Carlos starrte dem Mann entgegen, der ihn ermordet hatte.
47:58
Das war mein Freund.
48:00
Wir wollen, dass die Welt Bescheid weiß. Mit dem größten Respekt. Ich muss Sie jetzt doch bitten, zu gehen.
48:07
Alles klar.
48:08
Cool.
48:09
Ich spürte Roberto Sonigas kalten Blick im Rücken.
48:11
Gute Fahrt!
48:12
Carlos' Gesicht drückte ich an meine Brust. Um neun bist du wieder draußen, hatte El Pugini gesagt. Laut der Standur im Eingangsbereich des Restaurants war es jetzt 8.58 Uhr.
48:28
Ich legte den Schalter um und holte Tiefluft. Noch eine.
49:04
Der Knall des Reifens übertönte den Schuss meiner Pistole. Der SUV krachte gegen die Wand des Restaurants. Don Roberto stand am Fenster. Ich sah ihn nicht an, stieg schnell in den Wagen, setzte zurück und trat aufs Gas.
49:26
Maya ist auch da.
49:28
Jemand hat versucht, mich zu überfahren. Sind sie dir gefolgt? Glaub nicht. Der Typ hatte einen Unfall und ist ohnmächtig geworden.
49:36
Geht's um die Schießerei in Navarte?
49:38
Was? Für ein Interview mit ihm.
49:40
Ja, dein Mann von Achenje wurde abgeknallt.
49:43
Und um neun bist du wieder draußen.
49:45
Hier. Auf Twitter heißt es, die Täter waren drei Typen in dem Wagen der Veracruz State Police. Die haben ein Restaurant in Navarte zusammengeschossen.
49:53
Aber es gibt nur ein Opfer, Roberto Suniga, CEO von Agenio. Ein Leibwächter hatte eine Gehirnerschütterung, nachdem er seinen Jeep an die Wand gefahren hat. Ein anderer hat eine Kugel in die Schulter abgekommen.
50:16
Die Wolkenkratzer am Paseo della Reforma glühten Messingfarben im Morgengrauen. Die Zigarette, die ich rauchte, ließ mich im ganzen Körper zittern. Ich hatte die ganze Nacht an dem Artikel geschrieben.
50:28
Das ist eine erstklassige Arbeit, Andrew. Vielleicht brauchen wir eine Fortsetzung. Alles hier auf dem Stick. Heißt das, du bist in nächster Zeit nicht per E-Mail erreichbar?
50:40
Theoretisch schon, aber naja, du weißt ja.
50:54
Schon wenige Stunden später saß ich auf dem Gepäckträger eines Busses, rauchte und schaute von der hügeligen Waldstraße auf Guatemala City herunter.
51:04
Ich öffnete auf meinem Handy den Link, den mir Dominik geschickt hatte und scrollte durch den Artikel nach unten. Die Geschichte, die ich mit Francisco zu Ende geführt hatte, die Geschichte, die Carlos das Leben gekostet hat. Die Geschichte, über die jetzt alle redeten, war unter seinem, Franziskus und meinem Namen erschienen. Alle großen Nachrichten-Websites brachten unseren Artikel als Top-Meldung.
51:30
Carlos und ich. Unsere Namen tauchten überall auf. Davon hatten wir immer geträumt. Wo bist du? Guatemala. Ist mein Zimmer noch frei?
51:48
Kann sein. Willst du zurückkommen? Carlos letzte Rauchfäden fächerten sich auf, zerfaserten und lösten sich langsam auf. Sozusagen. Wann? Am liebsten heute.
52:07
Na gut, okay. Te espero acá.
52:14
Hoffen, warten, erwarten.
52:19
Welches Espera du gemeint hast, wusste ich nicht. Aber ich vermute, vielleicht wirklich alle drei.
52:39
Der erste Tote. Hörspiel nach dem Roman von Tim McGavin. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Es sprachen Andrew, Vincenz Wagner, Carlos, Thomas Ignacio Heise, Maya, Lou Rivera, Dominik, Boris Aljinovic, El Puccini, André M. Hennecke, Und das Autor In weiteren Rollen Ton und Technik Jan Fraune und Eugenie Klesattel.
53:26
Regieassistenz Stefanie Heim. Bearbeitung und Regie Eva Solloch. Dramaturgie Julia Gabel und Jakob Schumann. Eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur 2022.
53:37
Und jetzt noch ein Programmtipp.
53:50
Hi, ich bin Gellertzing, Privatdetektiv. Stellt euch vor, ihr lebt in einer Welt voller Hologramme und geklonter Körper.
53:58
Welcher gefällt dir am besten?
54:00
Sucht der einen aus?
54:01
Eine Welt, in der man seine Identität wechseln kann wie ein paar Schuhe.
54:06
Das Klonlager. Wahnsinn.
54:10
In so einer Welt soll ich die verschwundene Programmiererin Juliette Perrot aufspüren.
54:16
Na, vielen Dank auch.
54:17
Juliette hat daran gearbeitet, dass wir dem Tod noch näher kommen. Mit Software.
54:21
Sie hat eine Sicherheitslücke gefunden. Hi Juliette. Wir hatten etwas, was du suchst. Vor neun Monaten hat sie sich auf einmal brennend für KIs interessiert.
54:32
Ich habe fast alles preisgegeben. Aber uns habe ich nicht verraten.
54:37
Wurde Perrot gekidnappt? Oder ist sie untergetaucht? Eins steht fest, sie war einem großen Geheimnis auf der Spur. Und sie hat Gegner. Mächtige Gegner. Wir wollen dir helfen, Juliette.
54:53
Das ist alles so abgefuckt. Scheiße.
55:04
Was jetzt? Löschst du mich?
55:07
Nein, ich rette dich.
55:13
Hologrammatiker. Hörspielserie nach dem Roman von Tom Hillenbrand.
55:18
Alle Folgen ab dem 6. Juli in der Deutschlandfunk-App. Scheiße, ich hab irgendwie kein gutes Gefühl.